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7/2002
Professor Lambert Rosenbusch Architekt
Die Leibniz - Rotunde zu Wolfenbüttel Projekt zur Wiedererrichtung des 1887 abgerissenen Zentralbaus der Herzog August Bibliothek zu Wolfenbüttel
Wolfenbüttel ehemalige Leibnizrotunde [B] 01 Grundriss / Ansicht vS
Diskurs einer zu beweisenden Hypothese: Der im Grundriss ovale Kern der ehemaligen Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel war eine Inkunabel europäischer Baukunst
und zählt trotz des Abrisses gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu den bedeutendsten Innenräumen der Architektur in Nordeuropa.
[B] 02 Überblick
Einleitung Beschäftigung mit der Architektur von Bibliotheken und deren Entwicklung ist ein eigenes oft eigenwilliges Kapitel. Das Publikum
dieser Sparte ist von besonderer Art. In der Regel sind die Benutzer solcher Einrichtungen sehr gebildet in vielen Fällen über ihre
Fachinteressen hinaus orientiert an allgemeinen Fragen besonders an Themen der Kunst und damit im Zusammenhang stehend
an gelungenen Lösungen der Architektur. Insofern ist es selbstverständlich, dass man beim Studium von Bibliotheksbauten
insbesondere bei der Beschäftigung mit deren Innenräumen auf viele künstlerisch wertvolle Besonderheiten trifft.
Wie wenige andere Gebiete ist daher die Architektur dieser Gebäude beispielhaft für die allgemeine Stilentwicklung und sehr häufig Ausdruck des gehobenen Geschmacks ihrer Bauherrn.
Für die im Folgenden behandelte Bibliotheksrotunde zu Wolfenbüttel kann man in diesem Sinne feststellen, dass sich dieses
Bauwerk wie kaum ein anderes auszeichnet durch die Fülle seiner formal ästhetischen Bezüge zu vielen Teilgebieten der
Architekturgeschichte. Insofern ist zu einer umfassenden Beurteilung des ehemaligen Wolfenbütteler Bauwerkes seine Einbindung in möglichst alle Bezüge stilistischer, theoretischer wie praktischer Natur vonnöten.
Vergleiche sind gewünscht, daher wird in dem anschließenden Diskurs mithilfe umfassenden Bildmaterials und anhand zahlreicher
erläuternder Skizzen die zeitliche und künstlerische Position der Bibliotheksrotunde in der Architekturgeschichte insbesondere ihrer Entwicklung im Norden Europas bestimmt.
Zwei aufgeschlagene Buchseiten des antiken Schriftstellers Vitruvius bilden den Rahmen der ersten fünf Kapitel, die der
Erläuterung der Bedeutung des ehemaligen Wolfenbüttelers Zentralbau dienen. Es folgt im sechsten die Beschreibung einer
Rauminszenierung, bei der im realen Maßstab die besonderen Proportionen der Bibliotheksrotunde erfasst werden konnten. Den
Abschluss bildet die Vorstellung des Projektes mit dem Ziel, die nicht mehr vorhandene Bibliotheksrotunde als eine Inkunabel der Baukunst in neuem Gewande an gleicher Stelle wieder zu errichten.
Zentralbau In den architekturtheoretischen Schriften gilt als eines der frühen Beispiele für den Begriff des Zentralbaus die Illustration zu Vitruvs
Grundriss eines antiken Peripteros. Dieser i.G. (im Grundriss) kreisförmige Tempel ist die Urform, auf die sich alle Architekturen
dieser vielfältige Gattung zurückführen lassen. Dieses gilt letztlich auch für die ehemalige Bibliothek zu Wolfenbüttel, die in ihrem
Innern mit der sogenannten Rotunde einen Raum ähnlicher Art beherbergt. Ihre Verbindung von eines zylindrischen Kerns mit
einem blockhaft rechtwinkligen Außenbau hat vielfach zu dem Vergleich des Wolfenbütteler Bauwerkes mit der sog. Villa Rotonda in Vicenza geführt [1]. Oberflächlich betrachtet mag man diese Parallele ziehen, doch bei genauer formaler Wertung kann das
Äußere, der rechteckige Umfassungsbau der ehemaligen Bibliothek zu Wolfenbüttel, nicht im entferntesten mit der Villa des
Palladio, dem Archetyp des Zentralbaus der Neuzeit, in Verbindung gebracht werden. Der Außenbau des Wolfenbütteler Gebäudes ist unglücklich proportioniert und hält qualitativ dem Vergleich mit dem Vicentiner Vorbild nicht stand [2]. Anders ist es bei dem i.G. ovalen Raum im Zentrum der Anlage. Die eigentliche Bibliotheksrotunde, das Innere des Bauwerkes, ist
von höchster formaler Eigenart und taucht in dieser Form nur einmal in der europäischen Baugeschichte auf, nämlich in der Wolfenbütteler Fassung von Korb bzw. Leibniz.
Geregeltes Oval Mit Randzeichnungen auf einem Skizzenblatt des Baldassare Peruzzi beginnt in der Entwurfslehre eine Sonderform des Zentralbaus, nämlich das Oval[3]. Gezeigt wird die Entwicklung der Geometrie der Eiform, des Korbbogens, vom Musterbuch des
Serlio zu den daraus hergeleiteten Bauten des Barocks bis zur abgerissenen Rotunde in Wolfenbüttel.
Antikenrezeption Bücher und Bauten. Jede bedeutende Bibliothek des Barockfürsten enthielt neben den klassischen Werken der
Geistesgeschichte, Anschauliches aus der Antike. Beliebt waren alle Formen der Wiedergabe von Bauten historischer Stätten.
Gesammelt wurden Illustrationen, Drucke, Skulpturen, Modelle, Karten, Globen, Atlanten und dergleichen mehr. In Wolfenbüttel war
der Bibliotheksraum selbst Anschauungsbeispiel. Das innere Rund war die antike Agora, ein nach innen gekehrtes Kolosseum, das Pantheon der Bücher [4]. Es war ein Raum im Geist der Aufklärung, akademisch intellektuell formuliert, ein Weltwunder seiner
Zeit [5].
The five orders Barozzi da Vignola stellt in der Veröffentlichung “Regola delle cinque ordine“ auf Platte 3 seine Interpretation des klassischen
Formenkanons vor, indem er die fünf bekannten Ordnungen nebeneinander präsentiert. Sein Vorläufer Alberti machte ihre Stellung
nach Rangfolge übereinander, die Einhaltung der „Superimposition“ wie in der antiken Fassade des Kolosseums mit dem Palazzo Rucellai in Florenz zur unbedingten Pflicht für den Baumeister der nachfolgenden Zeit.
Es folgen Beispiele aus Oxford, Paris, Rom und Wolfenbüttel.
Himmelsglobus Die Konkurrenz zwischen Newton und Leibniz wird zweimal sichtbar auf oberster Ebene der europäischen Architektur- Geschichte bzw. Theorie.
In beiden Fällen handelt es sich um einen Beitrag zum gleichen Thema: Der Himmelsglobus. Der französische Architekt Etienne
Boullée machte durch den Entwurf des „Kenotaph für Newton“ rund anderthalb Jahrhunderte nach dem Tode des großen Naturwissenschaftlers den bedeutenden englischen Humanisten auch in der Kunst unsterblich.
Der von seinem ebenbürtigen Konkurrenten Leibniz veranlasste Himmelsglobus als Bekrönung auf dem Kegeldach der Bibliotheksrotunde in Wolfenbüttel wurde bereits eine gutes Jahrzehnt nach seiner Errichtung entfernt.
Den „Rahmen“ der ersten fünf Kapitel bildet die Seite 157 von Buch 9 des Vitruvs als Abschluss. Auf dieser Grafik ist der
Himmelsglobus des Sommerhalbjahres abgebildet. Vom Inhalt handelt es sich um die gleiche Darstellung wie auf der Kugel der
zuvor gezeigten, aber kaum entzifferbaren Zeichnung der „Ansicht gegen Mittag“ der ehemaligen Bibliothek.
6. Die Inszenierung der Bibliotheksrotunde. Am Festtage Epiphania 2001 fand in Sankt Trinitatis zu Wolfenbüttel eine Veranstaltung statt zum Thema der 1876 abgerissenen
Bibliothek. Deren Architekt Hermann Korb war zugleich Baumeister dieses Kirchenraumes. Mithilfe von Versatzstücken wurde ein
Versuch gewagt. Zum Vergleich wurde im Mittelschiff als Anschauungshilfe der Proportionen die i.G. ovale Rotunde im realen Maßstab wiedergegeben.
7. Das Projekt der Architekten Peter Wilkens und Lambert Rosenbusch. Die Architekten schlagen zum Zweck der funktionalen Abrundung der Bibliotheksbauten Wolfenbüttels vor, die Anlage um den
Lessingplatz entsprechend der Bodleian Library in Oxford durch einen Zentralbau zu ergänzen. Der Solitär soll in Wolfenbüttel nach dem Beispiel der Radcliffe Camera die sichtbare Mitte des Quartiers werden.
[B] 03 Vitruvius Pollio Holzschnitt zum Peripteros
1. Zentralbau Der i.G. kreisförmige Rundtempel der Griechen wie z.B. der Tholos von Epidauros gilt als Ursprung des Gedankens eines
Zentralbaus. Er bildet am Beginn des 16.Jh die Grundlage des Tempietto. Entworfen wurde dieser 1502 von Donato Bramante (1444-1514) [6]. Der Peripteros, wie ihn Vitruv gegen Ende des vierten Kapitels beschreibt, zeigt eine von zwölf Säulen
kreisförmig umgebene Cella. Der Umgang um den Kernbau öffnet sich allseitig nach außen.
[B] 04 Wolfenbüttel ehemalige Bibliothek
Isometrie mit Maske, vSW
Durch Bildmaske in der Isometrie wird der in umgekehrter Form angelegte Kernbau der Wolfenbütteler Rotunde hervorgehoben.
Es erscheint die Cella mit hineingestellten zwölf Pfeilern. Das Innere des ersten und zweiten Geschosses bildet einen
umgestülpten Peripteros, bei dem sich der Umgang in der Art einer Ringloggia, anders als aus dem griechischen Beispiel gewohnt, nach innen öffnet.
[B] 05 Wolfenbüttel ehemalige Bibliothek Isometrie, vSW
Ohne die Maske erscheint der Bibliotheksbau als ein von außen, kaum wahrnehmbarer Zentralbau [7], besonders dann, wenn man
das in der Isometrie fehlende Dach ergänzt. I.G. ist das Haus im Verhältnis von Tiefe zur Breite rechteckig, 3:4 entsprechend der
Proportion der Quarte. An der südlichen traufständigen Langseite befindet sich, als Zugang mit Treppenhaus herausgehoben, ein
Vorbau mit kleinem Erkergiebel in der Mitte. Rudimentär erscheint hier das palladianische Tympanon. Über dem durchlaufenden
Untergeschoss erhebt sich in der Mitte der ovale Hauptraum, der von oben durch den von außen gut sichtbaren Tambour belichtet
wird und mit einer Flachdecke unter dem darüber befindlichen Dachkegel mit Himmelsglobus abschließt. Lediglich in diesem oberen Bereich wird der Zentralbau von außen, allerdings mit Kugel [8] besonders deutlich, erkennbar.
[B] 06 Vicenza Rotonda Luftfoto vN
Ein Blick aus der Vogelschau von Norden auf die Villa Rotonda des Palladio belegt den Unterschied, der zwischen beiden Bauten
besteht. Das Herrenhaus der Familie Capra Valmarana wurde zum Inbegriff des als Zentralbau entworfenen Privathauses. Im
Vergleich zum ehemaligen Bibliotheksbau in Wolfenbüttel sind die geringen Abweichungen vom vollkommenen Schema der
„Punktsymmetrie“ bei der berühmtesten palladianischen Villa marginal. I.G. eine Verschneidung von Quadrat mit griechischem
Kreuz, verfügt das Landhaus auf dem Ausläufer des Monte Berico über vier Zugänge mit je einer vorgelagerten Portikus oberhalb
einer breiten Freitreppe. Der Hauptraum ist i.G. kreisförmig, sein oberer Abschluss im Innern erfolgt in Form einer
Halbkugelschale. Die Belichtung ist dem Pantheon entlehnt. Der Okulus im Scheitel der Kuppel ist jedoch anders als im römischen Vorbild mit einer lichtspendenden Laterne geschlossen.
[B] 07 Baldassare Peruzzi Zeichnung mit Oval
2. Geregeltes Oval [9]
Eine Grafik des Baldassare Peruzzi (1481 – 1536), aufbewahrt in den Uffizien zu Florenz, gilt den Theoretikern als besonders
bemerkenswert wegen der Zeichnungen am Rand des Blattes. Diese „Scribbles“ enthalten die grundsätzlichen Lösungen zur
Geometrie ovaler Formen wie sie in den Architekten- und Handwerkerkreisen der kommenden Generationen gebräuchlich wurden.
Es handelt sich um einfache Konstruktionsanleitungen für den Korbbogen, eines dem Kegelschnitt der Ellipse angenäherten Ovals [10], das sich sehr gut eignet für den Entwurf eines Werkstücks mithilfe von Richtscheit und Schnur auf dem Reißboden.
[B] 08 Sebastiano Serlio Korbbogen über zwei Quadraten
Sebastiano Serlio (1475-1554), Schüler des Peruzzi und lange Zeit dessen Mitarbeiter, hält nach des Meisters Ableben in fünf
zwischen 1537- 51 in unregelmäßigen Abständen veröffentlichten Büchern nebst einem sechsten und siebten nur als Manuskript vorhandenen das z.T. gemeinsam erarbeitete Programm zur Lehre der Architektur fest.
In dem Bildbeispiel werden jene geometrischen Figuren vorgestellt, die aufgrund ihrer einfachen Anlage in den kommenden Zeiten Schule machen werden:
Der Korbbogen, wie man ihn auf der dreigeteilten linea prima aufreißt oder über zwei Quadraten.
[B] 09 Sebastiano Serlio, Königlicher Palast
In Serlios Manuskript für das sechste Buch findet man Zeichnungen von Grundriss und Aufriss für einen königlichen Palast. Der
Entwurf ist ungewöhnlich und in dieser Anlage erstmalig, da das Bauwerk auf der geometrischen Basis einer der
Korbbogenkonstruktionen entstanden ist, wie sie der Architekt in seinem vorgenannten Musterbuch diskutiert hat. Der Zeichner
verwendet die erste der dort vorgestellten vier Figuren. Das i.G. ovale dreigeschossige Haus verfügt über einen Hof, der dem
Konzept des eiförmigen Umrisses folgt und ebenfalls in der Art eines elliptischen Korbbogens dargestellt ist. Im Aufriss bildet sich
die Figur des Schnittes aus umlaufenden Pfeilerarkaden, die im Bereich des Erdgeschosses im Hof der inneren Hausfront
vorgelagert sind. Das Eirund besteht aus insgesamt 24 Bögen. Das Thema der Rotunde von Wolfenbüttel mit allerdings nur zwölf Pfeilern ist unverkennbar.[11]
[B] 10 Barozzi da Vignola, Rom, S. Andrea an der Via Flaminia, 1554
Schnitt und Teilgrundriss mit Eintragung der Messfigur
San Andrea, die kleine unscheinbare römische Kirche an der Via Flaminia aus dem Jahre 1527, entworfen von dem Architekten
Giacomo Barozzi da Vignola (1507-73), Dombaumeister (Capo maestro) von St. Peter, wurde der erste bekannte Raum mit einer
i.G. längsovalen Kuppel des Korbbogens auf zwei Quadraten nach Serlio/ Peruzzi. Dieses erstaunliche Ergebnis entgegen der bis
dato gültigen Lehre brachte eine Forschungsarbeit aus dem Jahre 1989 zutage. Alle zeichnerischen Untersuchungen des Oval
gingen seinerzeit von veröffentlichten, aber in den Drucken unrichtig wiedergegebenen Reproduktionen aus. Eine Bauaufnahme
vor Ort brachte Klarheit. Der grafische Nachweis der Messfigur wurde darauf hin anhand einer fotometrischen Wiedergabe im
Maßstab 1:10 geführt. Mit Ausnahme einer geringen Abweichung, die auf einen Bauschaden zurückzuführen ist, brachte die
Überprüfung eine völlige Übereinstimmung der Geometrie der Kirche mit dem Korbbogen über zwei Quadraten nach Serlio / Peruzzi. [12]
[B] 11 Francesco Borromini Rom S. Carlo alla quattro Fontane A17.Jh. Bernardo Borromini
Ovalkirche, Projekt E 17.Jh.
Zwei bemerkenswerte Zeichnungen zum Thema des Korbbogens in der Grundrissentwicklung befinden sich in der Albertina in
Wien. Es bleibt kein Zweifel: Man kann sehen wie die Architekten den Riss der Korbbogengeometrie zur Anlage ihres Planes
verwandten und darüber hinaus die Konstruktion zur weiteren Bearbeitung ihrer Messfigur und zur Proportionsbestimmung interpretierten.
[B] 12 Weltenburg, Klosterkirche Fotografie mit Messfigur
Cosmas Damian Asam (1689-1739) malte bis zu seinem Tode an dem Deckengemälde „Triumphierende Kirche“ der von ihm
zusammen mit seinem Bruder Egid Quirin gebauten Benediktinerabtei Weltenburg an der Donau von 1721. Sein Sohn beendete
das Werk. Mittels Aufmaß und geometrischer Untersuchung konnte hier der dreigeteilte Korbbogen des Serlio/ Peruzzi nachgewiesen werden.
[B] 13 Wolfenbüttel Bibliotheksrotunde Systemgrundriss mit Messfigur
Zum Vergleich und zur stilistischen Einordnung wurde der Versuch unternommen, in den Grundriss der ehemaligen
Bibliotheksrotunde zu Wolfenbüttel den Korbbogen der Drittelteilung nach Serlio/ Peruzzi zu übertragen. Die Messfigur ist im
Grundriss deckungsgleich mit der Außenlinie der 12 Pfeiler. Man darf daraus ohne Zweifel den Schluss ziehen, dass entsprechend
dem italienischen Erbe auch der Architekt in den nördlichen Gefilden, Hermann Korb, nach den in seiner Zeit am Bau üblichen geometrischen Gepflogenheiten gearbeitet hat.
[B] 14 Wolfenbüttel ehemalige Bibliothek Isometrie mit Maske, Proportionen
3. Antikenrezeption Auf der linea secunda, der kleineren Achse des Ovals, wurde in der isometrischen Zeichnung das Rechteck zur Proportion eines
„stehenden Raumes“ im Verhältnis 6/5 eingetragen. Aus dieser „erhabenen“[13] Proportion des Gebäudequerschnittes erklärt sich
das milde Tageslicht, das, weil es hoch seitlich über die Fenster des Tambours eintritt, die unteren Geschosse nur mehrfach
gebrochen erreicht, zugleich aber blendfrei bleibt. Der Raum erscheint eingetaucht in jene sanfte aber zugleich strahlende Helligkeit, die Alfred Lichtwarck „Das Basilikalicht“ [14]nennt.
[B] 15 Isaac Ware Frontispiece
Mitte des 18.Jh bringt Isaac Ware (+1766) das Buch „The Complete Body of Architecture“ heraus. Seine Anlehnung an Vitruvius,
Palladio usw. ist unverkennbar. Das Werk soll nicht weiter behandelt werden, auch nicht die vom gemeinen Geschmack
abweichende und daher an anderer Stelle unbedingt beachtenswerte formale Architekturauffassung des englischen Baumeisters
und Architekturschriftstellers. Ware erscheint im Rahmen dieser Abhandlung wegen des Frontispiz, das er seinem Buch voranstellt
und auf dem alles das gezeigt wird, was die Architekten und deren Auftraggeber zu seiner Zeit beschäftigte: Architectura weist mit der linken Hand auf die Tafel in der rechten. Diese enthält eine Darstellung der Säulenordnung. [15]Die Bauleute um die
Hauptperson studieren Maßnormung und Perspektive. Der wichtigste der fünf platonischen Körper, der Pentagondodekaeder, darf
selbstverständlich nicht fehlen. Er ist jener Polyeder dem Platon im Timaios keines der vier Elemente beimisst wie den ihm
verwandten Vielflächlern sondern der Pentagondodekaeder versinnbildlicht für den griechischen Philosophen im Rahmen der
Schöpfung die göttliche Beziehung. Für die Bauleute verkörpert seine Geometrie das Ideal des Entwurfes, die sectio aurea. Als
Thema der Antikenrezeption zeigt Ware den auf rustiziertem Sockel erhöhten palladianischen Tempel, geschmückt mit dem Serliomotiv. [16]Im Hintergrund sind die Quellen der europäischen Kultur zu sehen: Ägypten erscheint als Pyramide, Griechenland
wird verkörpert durch den Parthenon auf der Akropolis, und schließlich wird Rom vergegenwärtigt durch die Darstellung des
nordwestlichen Abschnittes des äußeren Umganges vom Kolosseum. Gut erkennbar ist dessen Gebäudemantel mit dem
Wandaufbau der fünf Ordnungen. Von unten nach oben aufgezählt sind diese: die (tuskische), dorische, ionische, korinthische und
komposite Ordnung. Die erste hier nicht sichtbare tuskische, bleibt entsprechend der Regel des Vitruvius dem Untergeschoss bzw.
dem Keller vorbehalten und ist daher nicht zu sehen. Isaac Ware zeigt, was seine Leser, Gelehrte, Bauherren und Architekten sehen und wissen wollen.
Der Fürst wünscht sich diese Objekte in seinem Raritätenkabinett oder besser, wie in Wolfenbüttel; er stellt seine Bücher ohne
Umschweife gleich in das antike Umfeld, in das Kolosseum, das Amphitheater des Geistes. Denn, während der Forschende sich
in dem ovalen Lesesaal mit der Literatur der Antike beschäftigt, hat er das Beispiel für das Gelesene vor Augen. Der Raum wird
erlebt und erfahren. Er wird zur Illustration, und im Zusammenhang mit den klassischen, griechischen und römischen Werken der Literatur zur vollendeten Gelegenheit der Rezeption der antiken Welt.
[B] 16 Die Rotunde von Wolfenbüttel das Kolosseum der Bücher
Der Aufriss der Rotunde in Wolfenbüttel erscheint in diesem Zusammenhang als die nach innen gewandte Außenfläche des Kolosseums, dem teatrum mundi.
[B] 17 Die Rotunde von Wolfenbüttel Wandabwicklung, Modell M 1:100
Ein Detail des Wandaufbaus der sei hier katalogisiert. Es werden dazu einige Hauptbegriffe des antiken Formenkanons herausgegriffen: A Pilaster B Kopplung C Superimposition
Im Wandaufbau des inneren Lesesaales, der Rotunde von Wolfenbüttel spiegeln sich viele Bauglieder des Kolosseums, fast alle,
nur auf die Arkaden wird verzichtet. Anstelle der einzelnen der Wand vorgeblendeten Halbsäulen tragen die Pfeiler Stuckwerk geschosshoher Doppelpilaster [17].
[B] 18 Giacomo Barozzi da Vignola Regola delle cinque ordine
4. The five orders Die Wiederentdeckung des Vitruvius, des einzigen bedeutenden auf uns überkommenen antike Schriftsteller, der sich umfassend
mit dem Thema der Architektur befasst hat, war nicht so sensationell, wie man es gewohnt ist und gern hört,[18] doch keineswegs
von geringem Erfolg. Der antike Schriftsteller bestimmte seit je viele Gebiete der Bildenden Kunst vor allem in der Zeit der
Renaissance aber auch in den ihr folgenden Jahrhunderten. Die neue Drucktechnik mit beweglichen Lettern des Johannes
Gutenberg spielte eine weitere wesentliche Rolle. Aufgrund dieser Erfindung stieg die Verbreitung der bis dahin an Zahl und
Umfang begrenzten und heute namentlich erfassten allseits bekannten handschriftlichen Kopien sprunghaft an.
Die Antike vererbte sich seit dem Beginn der Renaissance über zwei längst vorhandene aber den Fortschritt neu konditionierende
Medien. Jeder Fachmann konnte aufgrund ihrer durch die neue Technik weit gestreuten Verbreitung und besseren Zugänglichkeit in beiden lesen, sie interpretieren, aus ihnen schöpfen und bei Erfolg weiteres hinzufügen:
Es sind diese: Druckwerke und Bauwerke, oder plakativ, kurz gesagt, Bücher und Bauten.
[B] 19 Florenz Palazzo Rucellai Fotografie von NW
Erwähnt werden daher an dieser Stelle einige Bauten in denen der Kenner lesen kann, die der Architekt studieren und verstehen
muss, weil diese Häuser über Jahrhunderte hinweg zu absoluten Wertbegriffe der Baukunst geworden sind und damit längst normativen Charakter angenommen haben.
Die antike Bauordnung, verbreitet vor allem durch Serlio, wurde mit der Renaissance zum allgemeinen Standard in Europa. Die
neue Architekturauffassung galt als Zeichen des Fortschritts, zuerst in Italien, dann auch weiter im Norden jenseits der Alpen. Die Häuser der Vornehmen tragen seither das neue Ornament, die Säulenordnung.
Insbesondere gilt dieses für den Palazzo Rucellai 1446–51 des Leon Battista Alberti (1404-72) (A/C) in Florenz und desgleichen
für den Palazzo Piccolomini in Pienza 1459–62, der, gelegen an der berühmten Piazza Rinascimenta, von Bernardo Rosselino (1409-64) in der Manier des Alberti weitergeführt wurde [19]. Die Fassade im Palastbau dieser Richtung ist flächig zurückhaltend, die Säulenordnung integriert in die mithilfe weniger Linien sichtbar gemachten Baustruktur [20].
[B] 20 Oxford, Tower of the five Orders Fotografie vW
Oxford, jener Gebäudeabschnitt am Bodleian Square, der “The Schools“ genannt wird, verfügt in der Mitte seines Ostflügel über
einen Torgang, der durch einen fünfgeschossigen Turm opulent architektonisch hervorgehobenen wird. Der im sog. Tudor- style ausgeführte Tower of the five Orders [21]von 1636 bringt als Ausstattung den seltenen Wandaufbau aller fünf Ordnungen in gekoppelter Säulenstellung übereinander [22] (B/C). Der Turm ist bis heute das Wahrzeichen der Bodleian Library. Seine häufig
kopierten five orders wurden aufgrund der Zugehörigkeit dieses Bauwerkes zu einer der bedeutendsten geisteswissenschaftlichen
Universitätsbibliotheken der Welt zum Symbol fürs Bauen in dieser Sparte schlechthin, gewissermaßen als Akt eines intellektuellen Erkennungszeichens [23].
[B]21 Oxford, Merton College Fotografie vN
Auch das Merton College in Oxford steht in dieser Tradition. Die Universitätsanlage verfügt ähnlich wie Bodleian Quadrangle am
Hof zum Bibliotheksgebäude über ein nach der Regel der Säulenordnung des Serlio geschmücktes Tor. Mit übereinander
angeordneten Doppelsäulen wird das bekannte antike Schema aufgenommen. Es fehlt allerdings auch hier wie beim Kolosseum die tuskische Ordnung. (B/C)
[B] 22 Paris, S. Gervais, Fassade ab 1616 Fotografie vW
Frankreich, das wegen seiner Nähe zu Italien immer deutlich unter dessen Einfluss stand, hat schon früh die italienischen Strömungen übernommen [24]. Die Fassade von S. Gervais, Paris, hat vor drei basilikal angeordneten Schiffen gekoppelte Säulenstellungen in der klassischen
Ordnung vorgeblendet: Zwei übereinander an den äußeren Gebäudeecken, drei übereinander seitlich des Mittelschiffes. Der Architekt war Salomon de Brosse 1616 – 21 (B/C).
[B]23 Louis Tacke Bibliotheksrotunde Wolfenbüttel nW 1888
Nach dem kurzen Ausblick auf die frühe Zeit der Renaissance im Süden und den nördlichen Nachbarländern ist äußerst
beachtenswert, dass alle zitierten Beispiele nur über jeweils Teile des vorangestellten Formenkatalogs verfügen. Allein der Wandaufbau der Rotunde in Wolfenbüttel erfüllt alle drei gewählten Kriterien
A Pilaster, B Kopplung, C Superimposition
[B] 24 Rom, Belvedere des Vatikan Scala di Bramante
5. Himmelsglobus In der Literatur wird sie, die Wendeltreppe (Rampe), im übertragenen Sinne gewürdigt als Aufstieg ins Reich der Seligen [25], in
vielen Fällen solcher Bauwerke trägt der Schlussstein die Sonne oder den Mond, die sich zwischen den Sternen am Firmament befinden [26]. Hier bildet die Scala des Bramante, die als einziges Bauwerk über eine geschlossene Säulenordnung von fünf
Geschossen im Innern verfügt, das Bindeglied zwischen den Ordnungen und dem Sternenhimmel, der im 17 Jh. mit Vorliebe durch den Himmelsglobus wiedergegeben wird.
Der Widersinn der Geschichte, wie er häufig beim Studium von historischen Entwicklungen auftaucht, fällt auf bei der Betrachtung
dieses letzten Punktes. Man kann diesen Gedanken auch anders nennen, denn hier handelt es sich um die fortgesetzte posthume
Konkurrenz zwischen zwei der bedeutendsten europäischen Geistesgrößen, die als Zeitgenossen aus verschiedenen wissenschaftlichen Richtungen kamen, an gleichen Themen arbeiteten, sich aber mit großer Distanz gegenüberstanden [27]: Isaak Newton (1643-1737) und Gottfried Leibniz (1646-1716).
[B] 25 Louis Etienne Boullée Kenotaph für Newton Ansicht [B] 26 Inneres
Louis Etienne Boulée, französischer Architekt in den Jahren der Revolution ist neben dem Praktiker Claude- Nicolas Ledoux (1736
– 1806) Hauptvertreter der entsprechend der Zeit in der Baugeschichte „Revolutionsarchitektur“ genannten Stilepoche, einer
Frühform des Klassizismus. Boulée ist vornehmlich theoretisch tätig. Er löst mit seinem großartigen zeichnerischen Werk von
utopischen Architekturdarstellungen, das sich heute im Louvre zu Paris befindet, außerordentlichen Einfluss aus auf die
Entwicklung der Baukunst, wie es nur vergleichbar ist mit dem gewaltigen grafischen Programm des Giambattista Piranesi
(1720-78). Des Architekten Boulée bedeutendstes Projekt, zugleich das bekannteste, ist der Entwurf eines Kenotaphs für Sir Isaac
Newton (1643-1727). Knapp einhundertfünfzig Jahre nach dessen Tod, kreiert der französische Architekt mit dieser Arbeit ein
Denkmal, das dem großen englischen Humanisten, Lehrer vom Queen´s in Cambridge und Leiter der Royal Academy London auch in der Kunst einen Platz unter den Unsterblichen eingeräumt hat.
[B] 27 Die Wolfenbütteler Bibliothek gegen Süden Maske schwarz [B] 28 Maske
Gottfried Wilhelm Freiherr von Leibniz (1646 - 1716) ist zweifellos der Entscheidende gewesen für das Projekt der
Bibliotheksrotunde zu Wolfenbüttel. Der reduziert akademische Raum war, von einigen Ausnahmen abgesehen, für die Zeit des
beginnenden 18 Jh. veraltet, außer Mode. Doch gerade darin liegt die Stärke dieser Kreation, ihre Zeitlosigkeit. Die
Bibliotheksrotunde ist eine verspätete Renaissance- Schöpfung, eine tatsächliche Rückbesinnung auf die Antike. Sie ist
akademisch, ein rein intellektuelles Produkt, anschaulich und gleichzeitig zurückhaltend, ein unübertroffenes Werk des aufgeklärten Humanismus.[28]
[B] 29 Himmelsglobus Detail aus A.A.Beck, Abbildung gegen Mittag
Leibniz veranlasste auf der Rotunde den Bau des Himmelsglobus, der nicht von langer Dauer war und der das deutschen
Universalgenie heute, pars pro toto, auch in der Kunst symbolisch neben seinen Konkurrenten Isaac Newton stellen würde, wäre
die Kugel noch da. Untersucht man den Globus auf der Grafik des A.A. Beck genauer, so zeigt er uns den Sommerhimmel zur Zeit
des Zeniths. Dieses Objekt, die Kugel des Kosmos war kein Ornat der Architektur, sondern ihr Programm, bis heute.
[B] 30 Vitruvius Holzschnitt zum Himmelsglobus Buch IX p137
Die ersten fünf Kapitel schließen wie begonnen mit dem aufgeschlagenen Vitruv. In dessen neuntem, dem vorletzten Buch, das
sich mit der Astronomie befasst, erscheint auf einer Illustration der Himmelsglobus mit der gleichen Sommerseite des Kosmos wie
auf der Südansicht des Stechers A.A.Beck. Man erkennt ebenfalls die Sternbilder: Widder, Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe und
Jungfrau. Diese Darstellung ist insofern richtiger als auf dem Druck des Künstlers Beck, da in der Vitruvzeichnung die Präzession,
die Neigung der Erdachse lotrecht wiedergegeben wird. Diese steht nämlich senkrecht, wenn man den Globus der Sommerhälfte
von der Südseite betrachtet. Da man davon ausgehen darf, dass unter Leibniz die Stellung des Globus auf dem Dach mit der
Realität des Sternenhimmels über Wolfenbüttel übereinstimmte, darf man vermuten, dass Beck aus der Absicht eingängiger bildhafter Vermittlung die „Abbildung gegen Mittag“ mit einem Globus der geneigten Himmelsachse darstellte.
Bedenkt man die vorstehenden fünf Kapitel um eine Zwischenbilanz zu ziehen, so wird deutlich, warum ein vor über einhundert
Jahren abgerissenes Bauwerk noch immer in den Köpfen existiert. Es wird weiter über die Wolfenbütteler Rotunde geforscht,
geschrieben und mithilfe von altem und zum Teil wieder neu entstandenem Bildmaterial berichtet. Von dem ovalzylindrischen Raum
ist die Rede, der selbst nach so langer Zeit noch nichts an Aktualität eingebüßt hat und der in keinem neuzeitlichen Buch fehlen darf, in dem die wichtigsten internationalen Bibliotheksbauten erwähnt werden.[29] Fazit: Der i.G. ovale Kern, der Lesesaal, der ehemaligen Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel war eine „Inkunabel“ europäischer
Baukunst und zählt trotz des Abrisses gegen Ende des 19. Jh. noch immer zu den bedeutendsten Innenräumen der europäischen Architekturgeschichte. q.e.d.
[B] 31 Wolfenbüttel St. Trinitatis Grundriss mit Überlagerung der Bibliotheksrotunde
6. Die Inszenierung der Biblitheksrotunde Die vorstehenden Kapitel zum Thema der Wertschätzung der ehemaligen Rotunde in Wolfenbüttel wurden erstmalig in der St.
Trinitatis Kirche zu Wolfenbüttel vorgetragen. Die nun folgende Beschreibung bezieht sich auf den Rahmen, die Rauminszenierung,
die zur Illustration des Gesagten in der Kirche eingerichtet war und so zu diesem Thema gehört. Das damalige Ereignis bildete
aus zwei Gründen einen würdigen und zugleich außergewöhnlichen Hintergrund. Zum einen, weil die Barockkirche St. Trinitatis im
Osten der Stadt Wolfenbüttel zeitgleich zu dem Bibliotheksgebäude von demselben Architekten Hermann Korb errichtet wurde und
sich damit hervorragend als stilistisches Vergleichsobjekt eignet. Zum anderen, weil der Baumeister das Mittelschiff der Kirche
durch Zusammenrücken des östlichen und westlichen Pfeilerpaares ebenfalls einem Oval ähnlich angelegt hat. Aufgrund der
Abmessungen des Innenraumes war es möglich mithilfe einiger Versatzstücke als Symbol für die Pfeiler dem Publikum den
ehemalige Bibliotheksraum in seinen wohlgestalteten Proportionen vor Augen zu führen. In dem Grundriss von St. Trinitatis ist Größe und Lage der ehemaligen Rotunde zur Veranschaulichung andersfarbig eingetragen.
[B] 32 Wolfenbüttel St. Trinitatis Inszenierung Bibliotheksrotunde
Der Widerspruch zwischen beiden gleichzeitig zu Beginn des 18.Jh. von dem Architekten Hermann Korb errichteten Bauten wurde
in der Rauminszenierung im Aufriss besonders deutlich. Auf einer Kulissenfahne, die unmittelbar neben einer der raumhohen
Barocksäulen in St. Trinitatis hing, war der seinen Geschossen entsprechend mehrteilig geregelte Renaissance- Wandaufbau der
ehemaligen Bibliotheksrotunde dargestellt. Von den insgesamt vier übereinander angeordneten Doppelpilastern des berühmten
ehemaligen Lesesaales waren nur ca. zweieinhalb in der Höhe des Kirchenschiffes unterzubringen. D.h. obwohl der Grundriss der
Rotunde ihrer Längsachse nach nur Zweidrittel der Größe des Hauptraumes von St. Trinitatis in Anspruch nahm, übertraf der
ehemalige ovalzylindrische Lesesaal das Kirchenschiff in Hinsicht auf die Höhe der Decke um ein Drittel und war hier nicht in seinem Gesamtvolumen darzustellen.
Neben dem stilistischen Unterschied des „modern“ gestalteten, im Aufriss mittels durchlaufender raumhoher Säulen einteilig
zusammengefassten Kirchenraumes gegen den für die damalige Zeit „altmodisch“ in Geschossen nach der Regel der
„Säulenordnungen“ des Vignola unterteilten Bibliotheksraum, waren es vor allem die außergewöhnlichen Maße, die Proportionen, welche die Voraussetzung geschaffen haben für die unverwechselbare Eigenart der ehemaligen Rotunde.
Dieses wurde sichtbar. Den Abschluss der Inszenierung bildete eine Bildprojektion: Da sich die Veranstaltung bis in den Abend hinzog und in dem Kirchenraum kein künstliches Licht eingeschaltet wurde, konnte das
Publikum gegen Abend in zunehmendem Maße mit der sich abschwächenden Raumhelligkeit eine Bildprojektion bemerken,
welche auf der hellen Barockdecke des Mittelschiffes dem Besucher von unten einen Einblick gestattete in den vorgetäuschten
Raum der ehemaligen Bibliothek. Mit diesem Mittel wurde zum Abschluss der Veranstaltung die zu niedrige Decke der Trinitatiskirche überspielt und optisch gen Himmel auf die „erhabene“ Proportion der Rotunde „angehoben“.
[B] 33 Neue Bibliotheksrotunde Wolfenbüttel Projekt, Schnitt
7. Das Projekt der Architekten Peter Wilkens und Lambert Rosenbuch
Mit dem Abriss der ehemaligen Bibliothek im Jahre 1887 verschwand zugleich der einmalige Raum, die sogenannte Rotunde in
ihrem Innern. Seit dieser Zeit hat sich über mehr als hundert Jahre viel geändert, die Bibliothek selbst und natürlich ihr städtebauliches Umfeld.
Anders als gewohnt ist seinerzeit in Wolfenbüttel der „Neubau“ nicht an der Stelle der Rotunde errichtet worden, sondern so weit
nach Norden gerückt, dass nach dem Abriss das Gelände in einen Park umgewandelt wurde. Heute trägt dieser den Namen
Lessingplatz, benannt im Gedenken an den großen deutschen Dichter, der eine Generation nach Leibniz bis kurz vor seinem Tode als Bibliothekar in dem angrenzenden ebenfalls nach ihm benannten Wohnhaus lebte.
In einer Untersuchung haben die Architekten festgestellt, dass sich unter städtebaulichen Gesichtspunkten ein Teil des
abgerissenen Bauwerkes und zwar der bedeutende Kern, die Rotunde, in einem eigens dafür entwickelten Neubau wieder einrichten ließe.
Für dieses Projekt gibt es eine hervorragende Parallele in der englischen Universitätsstadt Oxford. Denn im Vergleich der Städte
Oxford (GB) mit Wolfenbüttel (D) fällt auf, dass zwei der berühmtesten Bibliotheken Europas in einem ähnlichen baulichen Umfeld angesiedelt sind.
Es sind diese die Bodleian Library in Großbritannien und die Herzog August Bibliothek in Deutschland.
Neben der von außen sichtbaren Verwandtschaft in der Geschichte der Baulichkeiten, -beide öffentliche Bibliotheken verfügten
oder verfügen in ihrem Bauensemble über Zentralbauten, in Wolfenbüttel war es die ehemaligen Leibnizrotunde und in Oxford ist
es Radcliffe Camera-, gibt es weitere Parallelen, die sich auf die Ausstattung und die funktionale Anlage der Gebäudetypen sowie ihre Position im städtischen Gefüge beziehen.
Auch wenn man der Universitätsstadt Oxford hinsichtlich ihrer Stellung in der Geisteswelt Vorrang einräumen möchte, darf unter
bestimmten Gesichtspunkten die außerordentliche Position Wolfenbüttels, insbesondere der international vergleichbare Rang ihrer Bibliothek in diesem Gegenüber nicht unerwähnt bleiben.
Dennoch oder besser deshalb sollte Oxford als Vorbild und wo hilfreich als Maßstab dienen. Als solcher gilt vor allem die Bodleian
Library, die an verschiedenen Orten der Stadt angesiedelt ist und sich mit ähnlichen Problemen auseinander zu setzen hat, wie es für die Herzog August Bibliothek gegenwärtig gilt und in der nächsten Zukunft weiterhin sein wird.
Der Abriss der Rotunde im Jahre 1887 ist nicht nur aus architekturhistorischen Gesichtspunkten bedauerlich, weil einer der
bedeutendsten barocken (oder besser Renaissance-) Innenräume Europas, einer der an Zahl wenigen nördlich der Alpen,
verschwunden ist, sonder besonders deshalb, weil das Ensemble von Bauten, die zur Wolfenbütteler Bibliothek zählen oder in
Zukunft gerechnet werden, die äußerlich sichtbare und damit auch die innere, ihre ideelle Mitte verloren hat.
Eine Bibliothek von Weltruf, was man für die Wolfenbütteler Einrichtung ohne Einschränkung sagen darf, ist nicht nur der
Aufbewahrungsort für Bücher sondern immer auch ihrem Auftrag gemäß das sichtbare Zeichen für Bildung und Kultur. Templum eruditionis. - Bücher und Bauten.
Aus dem Blickwinkel des Architekten zählt selbstverständlich das gelesene Buch zugleich aber das Ambiente, der Raum, wo die Handlung des Studiums vonstatten geht.
Dieser Gedanke ist Ursache für den Vorschlag der in neuzeitlichem Gewande wieder zu errichtenden Bibliotheksrotunde.
[B] 34 Wolfenbüttel, Modell vN Bibliotheksviertel um den Lessing- und Schlossplatz
Oxford, Luftbild vN auf Radcliffe Square zwischen Bodleian Library und St. Mary the Virgin
Betrachtet man ein Foto vom Maßstabsmodell des Bibliotheksviertels Wolfenbüttel im Vergleich zu einem Luftbild von Oxford so wird die Parallelität der Anlage des städtischen Quartiers augenscheinlich.
Die markante Stelle im Lessingpark die ursprünglich der Standort der abgerissenen Bibliothek gewesen ist, wird durch den auf die
Rotunde reduzierten Neubauvorschlag der Architekten erneut besetzt. Das Zentrum, der rundum von zugehörigen Bauwerken
benachbarte Park zwischen Lessinghaus, Herzog August Bibliothek, Speicher, Zeughaus und Schloss, wird im städtebaulichen
Sinne durch einen Solitär bereichert. Der Platz erhält mit der „alten“ Bibliotheksrotunde eine moderne Skulptur als neue Mitte.
Ebenso verhielt es sich einstmals in Oxford mit dem heutigen Radcliffe Square, gelegen zwischen Colleges und
Bibliotheksabteilungen. Radcliffe Camera, die einen großen kreisförmigen Lesesaal im Innern beherbergt, wurde mitten in den Hof
gestellt. Der Zentralbau gibt sich seither als Solitär als monumentale Plastik im Kreise seiner Nachbarbauten. Das von James
Gibbs 1739 erbaute Pantheon der Bücher wurde damit zum Mittelpunkt des Quartiers, zum Herz des akademischen Oxfords.
Wolfenbüttel soll es als Vorbild betrachten: Der ehemalige Lesesaal, die Leibnizrotunde wird wieder erstehen, im Innern als ein von Forschern und Wissenschaftlern genutztes
Gebäude des Geistes, zugleich als gebautes Buch dienend, als ein Lehr- und Anschauungsobjekt einer großen Epoche des
deutschen Humanismus und zugleich der nordeuropäischen Baukultur. Nach außen erscheint diese Inkunabel in einem modernen
Einband, als architektonische Skulptur im städtischen Park, die im Quartier analog zur Radcliffe Camera ein sichtbares Zeichen bildet als Mittelpunkt der Wolfenbütteler Bibliothek.
[B] 35 Wolfenbüttel, Lessingplatz vSW Bildsequenz der historischen Entwicklung
Der Beginn der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel ist auf 1643 datierbar. Es ist jener Zeitpunkt, zu welchem der Herzog acht
Jahre nach seiner Übersiedlung von Braunschweig nach Wolfenbüttel seine Bibliothek, die damals bereits aus 28.400 Bd.
bestand, ebenfalls von seinem früheren Amtssitz in die neuen Residenz bringen lässt. Zur Aufnahme der Bücher werden die
Obergeschosse des Marstalls hergerichtet. Unter Gottfried Wilhelm Leibniz als nebenamtlichem Bibliothekar wird in der Zeit ab
1705 die Bibliotheksrotunde errichtet. 1728 wird der Globus entfernt. Nach Fertigstellung des gegenwärtig noch genutzten Neubaus von 1884 wird drei Jahre später, nämlich 1887, die Rotunde abgerissen.
[B] 36 Wolfenbüttel, Lessingplatz vSW Bildsequenz der projektierten Entwicklung
Dem Zeitgeist zum Trotz soll entsprechend dem Wunsch nach einer geistigen und künstlerisch materiellen Renaissance das, was
zuerst zerstört wurde, als erstes wieder errichtet werden. Hier handelt es sich im Rahmen der Leibnizrotunde um den ehemaligen
Himmelsglobus, der sich nur 18 Jahre auf dem Dach des ehemaligen Bibliotheksgebäudes befunden hat und der, wie zuvor bereits ausgeführt, das Programm seines Schöpfers Gottfried Leibniz darstellt.
Daraus folgt der Ritus, an gleicher Stelle neu zu beginnen, von allein. Die Himmelskugel bildet den Anfang. Sie ist das
einprägsame Zeichen, unter dem sich alle Kräfte zusammenfinden, die benötigt werden, um die weiteren Schritte zu bewältigen.
Es wird dabei nach einer Reihenfolge verfahren, wie sie sich von selbst anbietet und wie es am Ende von Kapitel fünf bereits
angedeutet wurde. Ein erster Schritt wird die Herstellung des Himmelsglobus sein, er soll als freitragende Schale von ca. 7,80m im Durchmesser aus Metall gegossen werden, wetterfest sein und von innen begehbar [30]. Seine Position erhält er zunächst als
Objekt, gartenkünstlerische Bereicherung des Lessingparks. Er wird so in einem ersten Schritt der Erbauung des Publikums dienen und zur Schärfung des öffentlichen Bewusstseins beitragen.
Der Punkt will genau getroffen werden, über dem in ca. 35 m Höhe vor knapp 300 Jahren die erste Kugel geschwebt hat. Die neue wird ein Symbol der Zeitenwende. [31]Sie wird dazu beitragen, die Schwelle zwischen Vergangenem und Künftigen zu
überwinden. Die Einrichtung des Himmelsglobus im Park kündigt das kommende Werk an, macht vertraut mit dem großen Projekt und weckt die Lust zur Tat.
Darauf folgt das Praktisch- Notwendige, die Planung des inneren Ablaufes, die Organisation der Baulichkeiten, die Schaffung des
unumgänglichen unterirdische Verbindungssystem aller zur Bibliothek zählenden gegenwärtigen und noch zu erwartenden
Abteilungen bzw. Häuser. Unter der Oberfläche soll dieses Vorhaben erfolgen aus Rücksicht auf die Stadtansicht und um den gegenwärtigen Bestand nicht zu beeinträchtigen [32]. Diese zweite Phase ist anstrengend, denn man sieht wenig Erfolg, da der
größte Teil der Arbeit in und unter der Erde stattfindet, aber dieser Abschnitt ist erforderlich, er ist Voraussetzung. Denn nur, wenn
die Basis, das Fundament stimmt, kann das Werk von Dauer sei. Letzteres gilt als selbstverständlich, besonders für alle, die Bücher schätzen und (auf) bewahren.
[B] 37 Neue Bibliotheksrotunde Wolfenbüttel Projekt, Modelle, drei Bauphasen
Es folgt die dritte Phase, die Errichtung der Rotunde. Projektiert ist ein ringförmiges Skelett, das wie in einem Rundbau,
Kolosseum oder Ringtheater, auf fünf Rängen in der Art eines begehbaren Hochregals Bücher aufnehmen soll, streng nach dem
von Leibniz vor dreihundert Jahren vorgegebenen Programm. Seitlich des um die offene Mitte verlaufenden Umganges werden
Bücherwände in jener Aufstellungsart eingerichtet, wie sie aus der Anordnung des einstigen Bibliothekars überliefert ist. Nach
außen erscheint die neue Rotunde in unauffälliger Gestalt: Der zylinderförmige Rundbau trägt eine natürliche steinerne Fassade in
abwechselnd umbragrauer Färbung. Unterbrochen wird die gekrümmte aber zurückhaltende Fassade durch vier Pfeiler, die je zwei
Rahmen bilden, welche das Oval des Bauwerkes zusammenhalten und auf ihrer flach ansteigenden Spitze den Himmelsglobus tragen.
Die letzte, entscheidende Baumaßnahme ist die Ausstattung des oval- zylindrischen Innenraumes, der eigentlichen Rotunde. Deren
Wiedereinrichtung kann erst zum Schluss stattfinden, wenn die umlaufenden „Bücherränge“ bereits hergestellt worden sind.
Grundsätzliches ist im Entwurf über den Zentralraum bereits ausgesagt, nämlich über seine Proportionen und die Aufgabe des
Versuches der Wiedererstellung des klassischen Formenkanons. Im Einzelnen sollten darüber hinaus zum jetzigen Zeitpunkt noch
keine weiteren Festlegung erfolgen, da die Detailarbeit noch der Forschung bedarf. Alle derartigen Fragen können nur am Ort des
Geschehens in befriedigender Weise gelöst werden. Dazu ist das Gerüst, der „Rohbau“ erforderlich. Neben der Untersuchung über
Gestalt und Farbe und über die Art der zu verwendenden Materialien, besteht die generelle Frage nach den Oberflächen
schlechthin und ganz besonders nach der stilistischen Abstimmung von Bauschmuck, Ornat und vieler über etliche Jahrzehnte
gewachsener Zutaten. Diverse Punkte sind im Rahmen einer Abhandlung schwer zu entscheiden, denn obwohl das Raumkonzept
der Rotunde insgesamt unstrittig ist, sind zahllose formale Konflikte zu bewältigen, die zum Teil schon zur Entstehungszeit aufgrund
zahlreicher widersprüchlicher Entscheidungen entstanden sind. Erneutes Überdenken wird in vielen Fällen erforderlich sein.
Besonders betroffen ist, um ein Beispiel zu nennen, die Gestaltung der geschlossenen Wandfelder des 3.OG [33], die den Bereich
des angrenzenden Dachraumes verdecken.
[B] 38 Wolfenbüttel, Abriss der Bibliotheksrotunde Fotografie, Inneres nO
Die Abteilungen dieser Wandzone waren, wie es in einem Foto, aufgenommen während der Abrissarbeiten, gut zu erkennen ist, in
Stuck auf Gipsputz in rocaille- artiger Manier verziert. In der Mitte trugen die Felder ähnliche, aber unterscheidbare verschnörkelte
Monogramme, vermutlich die Anfangsbuchstaben der Mitglieder der Herzogsfamilie. Da in dem neuen Projekt kein Dachraum in
diesem Geschoss anschließt wird auch hier, wie schon in den Ebenen tiefer eine nutzbare Regalzone eingerichtet. Wegen der
Verschiedenheit der Konzepte in diesem Punkt bleibt daher zu untersuchen, wie man in angemessener Form auf diese neue Fragestellung reagiert.
[B] 39 Tobias Querfurt d.Ä. Wolfenbüttel, ehem. Rotunde, Deckenfresko
Ähnlich verhält es sich mit dem Deckengemälde. Das barocke Bild will thematisch nicht schlüssig in den (Renaissance) Raum passen.
Tobias Querfurt d.Ä. hat in dem ehemaligen Fresko die sieben Planetengötter dargestellt, die sich am Himmel auf Wolken thronend, ringförmig um die Mitte des Raumes, die Erde, gruppieren [34]. Zu den sieben Planeten zählen Mond und Sonne, eine thematisch und ideologisch auch zur damaligen Zeit bereits höchst umstrittene These, die weder vom Inhalt noch nach der Art der
Darstellung zur Aufklärung und zu dem sonstigen intellektuell geprägten Zentralraum passen will. Da das hier vorgeschlagene Projekt zur Wiedererrichtung der Bibliotheksrotunde nicht aus einem nostalgisch romantischem
Ansatz erfolgt ist, zielt es nicht allein auf das Bewahren oder Wiedererwecken vergangener Formen, sondern es ist zugleich und
besonders orientiert an einer vertieften Nutzung des Bauwerkes im Geiste des historischen Auftrages. Hierzu ist besonders heute die realistische Sicht aus der Position eines aufgeklärten modernen Humanismus unersetzlich.
Vollständige Erkenntnis bedarf der Zeit. Insofern muss auf alle Details, wie u.a. in den vorgenannten Beispielen aufgezeigt, erst im
gegebenen Moment ausführlicher eingegangen werden. Ein endgültiges Urteil über das „Wie“ sollte daher, wie schon im
Zusammenhang mit Materialwahl und Oberfläche angedeutet, erst gefällt werden, wenn die Entscheidungen in der Theorie gereift
sind, und das neue Bauwerk bis auf das Innere, die eigentliche Rotunde abgeschlossen ist. Dieses ist der Augenblick, in dem das
Oval in seinen Proportionen realiter betrachtet und erfahren werden kann. Alle weiteren Abstimmungen bedürfen dieser Voraussetzung, sie können zu diesem Zeitpunkt realiter simuliert werden.
Vor Ort „in situ“ wird das Fragliche mithilfe des Musters endgültig entschieden.
[B] 40 Bibliotheksrotunde Wolfenbüttel Projekt Modellstudien zu Lage und Präzession des Himmelsglobus
Mit einem Gedanken an den Himmelsglobus soll das Thema schließen. Dieser wird nicht, wie man erwarten könnte, zeitlich erst am Ende des Projektes auf die Spitze des Bauwerkes gehoben, sondern
bereits zu Beginn der dritten Bauphase, im Zusammenhang mit der Errichtung des ringförmigen Skeletts. Dessen Bau wird in der
Reihenfolge stattfinden, dass als erste Maßnahme die rahmenartige Tragkonstruktion errichtet wird. Unmittelbar darauf folgend,
wird bereits die Kugel gewissermaßen als „Richtkranz“ auf deren Spitze an ihren endgültigen Platz gehoben. Auch hier getreu nach
der im Vorstehenden genannten Devise „des sichtbaren Zeichens, unter dem sich die Kräfte zusammenfinden“.
[B] 41 Neue Bibliotheksrotunde Wolfenbüttel Projekt, Modell 1:100
Die Architekten werden die Krönung des „templum eruditionis“, den Himmelsglobus als dessen Akroterion, geschaffen im Geist
der Aufklärung als Erbe des bedeutendsten deutschen Humanisten, Gottfried Wilhelm Freiherr von Leibniz, weithin sichtbar zeigen.
Sie wollen die akademische Demonstration und werden dabei sowohl eine andere, ehrwürdig alte, wie gleichzeitig progressiv neue Art des Bauens verkünden: Architektur als Prozess.
Nachtrag: Programm Wolfenbüttel, Epiphania 2001:
Akademischer Mittag: Basilikalicht [35], die ehemalige Rotunde der Herzog August Bibliothek
Pastor Kurt Klug Begrüßung
Thomas Hettwer, HamburgOrgel
Miriam Sharoni, Tel Aviv Gesang
Aria, „Vergiß nun, werthe Welfenstadt...“ [36]
Peter Wilkens Einführung, Dank- und Grußadressen
Die Stadt, der Ort, der Raum, Zur Aktualität
Lambert Rosenbusch Gedanken zur 1876 abgerissenen Rotunde
Zentralbau, Geregeltes Oval, Antikenrezeption
The five Orders, Himmelsglobus
Lars Böttcher Die Bibliotheksrotunde des Hermann Korb
Der Bau, Historie, Rekonstruktion
Veranstalter: Hochschule für Bildende Künste Hamburg, Professor Lambert Rosenbusch Architekt Bund Deutscher Architekten, Hamburg, Peter Wilkens Architekt
Bund Deutscher Baumeister, Hamburg, Dipl.- Arch. Mahmood Sairally Architekt Deutscher Werkbund, Hannover, Professor Herbert Lindinger
Gastgeber: Kirchengemeinde Sankt Trinitatis, Wolfenbüttel, Probst Dr. Hans Heinrich Schade, Pastor Stefan Lauer, Pastor Kurt Klug, Pastor Claudius Müller
Projektgruppe: Meisterschülerinnen- und Meisterschüler des Studio 7 der Hochschule für Bildende Künste Hamburg: Andreas Bäumer, Lars Böttcher, Alexandra Pankau, Jarek Rygielski, Britta Stewering, Tim Wagenhoff, Jens Wiebke
Dank: Dank gilt den zahlreichen Förderern und am Projekt Beteiligten insbesondere: DWB Hannover, K.-H. Ditze Stiftung Hamburg, Fa. Stambula Hamburg, Saucke- Verlag Wienhausen, Stadt Wolfenbüttel,
Fotografin Jutta Brüdern, Foto Aktuell Detlef Splitt,
Literatur Udo von Alvensleben, Die Braunschweigischen Schlösser d. Barockzeit u. ihr Baumeister Hermann Korb, Berlin 1937 Architectural Design 49/5-6, 1979 A Treasurehouse of Books, HAB 1998
Baedeker, Türkei, Ostfildern 1997; Baur-Heinhold, Margarete, Schöne alte Bibliotheken, Hamburg 2000; Beutler, Christian, Paris und Versailles, 1970
Bircher, M. / Bürger, T., Alles mit Bedacht, Barockes Fürstenlob auf Herzog August (1579-1666), Wolfenbüttel 1779; Böttcher, Lars, Die Bibliotheksrotunde von Wolfenbüttel, Diplomtext 2001
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Fagiolo dell´Arco, Maurizio, Der Vatikan, 1982 Th. Gsell Fels, Rom und die Campagna, Leipzig Wien 1903 Hamburger Kunsthalle Ktlg., Revolutionsarchitektur, 1971 Leonard von Matt, Franco Barelli, Rom, 1982;
Lichtwarck, Alfred, Von Hamburg bis zur Mosel, 2001 Millar, Lise, Kennen Sie Oxford? Didcot, 1972; Palladio, Andrea, I quattro libri dell´architettura di, Venetia 1581;
Raabe, Mechthild, Die Fürstliche Bibliothek zu Wolfenbüttel und ihre Leser,1997 Raabe, Paul, Die Herzog August Bibliothek als Museum, Heckners Verlag Wolfenbüttel 1970
Raabe, Paul, Die Herzog August Bibliothek in den letzten 100 Jahren, Göttinger Hochschulschriften Verlag Raabe, Paul, Lexikon zu Geschichte der Herzog August Bibliothek, Otto Harrossowitz, Wiesbaden 1992
Raabe, Paul, Spaziergänge durch Lessings Wolfenbüttel, Arche, Zürich – Hamburg 1997 Recker-Kotulla, I., Zur Baugeschichte der Herzog August Bibliothek zu Wolfenbüttel, Wolfenb. Beiträge Bd.6, 1983
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Vitruvius Pollio, Marcus, de architectura libri decem, 1513; Wurm, Heinrich, Baldassare Peruzzi, Architekturzeichnungen, 1984
Bildverzeichnis, soweit nicht anderweitig vermerkt: Wolfenbüttel HAB, 1, 23, 38; Vitruvius 3, 30; Wurm / Peruzzi p365, 7; Serlio 8, 9; Vignola 10, 18; Wien Albertina 11; Ware 15;
Architectural Design p19, 19; Fleury / Brandenburg / Babelon / Hirmer p191, 22; Boulée Ktlg. 25, 26; LR Bildarchiv 2, 4, 5, 6, 12, 13, 14, 16, 17, 20, 21, 24, 27, 28, 29, 31, 32, 33, 34, 35, 36, 37, 39, 40,
[1] P.Raabe p64
[2] Herrenhaustypus der Latifundien in der Poebene, Beispiel Scamozzi fol.173 p63
[3] Das Oval als geometrische Konstruktion ist bereits bei den Ägyptern nachweisbar. Eine anderthalb Meter große Figur findet
sich in Stein geritzt an der Ostseite des Tempels zu Luxor (Ramses der III. 1269-1244 b.C.) , Kaderávek S9.
[4] Ein Proportions- und Größenvergleich zwischen der ehemaligen Wolfenbütteler Bibliotheksrotunde und dem Urbild aller
Rundbauten, dem Pantheon, belegt die majestätische Proportion des Wolfenbütteler Bauwerkes und erlaubt zugleich eine
historische Zuordnung des Details. Besonderer Beachtung wert ist in diesem Zusammenhang die ursprüngliche Pilaster-
Inkrustation der oberen Wandzone des Pantheon sog. Attikageschoss, entfernt 1747 unter Benedikt XIV. von Arch. Paolo Posi, die in auffallender Weise dem Wolfenbütteler Inneren, verwandt ist. Gsell Fels p479
Der Pantheon Bezug war bereits den Zeitgenossen aufgefallen. Der Dichter Friedrich Mattison beschreibt es so:
Dies Gebäude überrascht durch seine kühne Bauart. Es ist eine Rotunde, welche den Tag durch die Kuppel erhält, und sich daher
einer ebenso günstigen Erleuchtung rühmen kann wie das Pantheon in Rom.“ Paul Raabe, Spaziergänge ... p 66
[B]
[5] „In zahlreichen zeitgenössischen Gedichten und Lobpreisungen wurde die Bibliotheca Illustris als achtes Weltwunder besungen“, M. Raabe p11,
Den Ruhm Herzog Augusts begründete vielmehr sein eigenes Werk, die „Bibliotheca Augusta“ , 1632 als „Vitae magistra“ und
„Miraculum orbis“ gepriesen, von Leibniz 1691 als „weltberühmte Bibliothec“ anerkannt und gefördert und von Lessing als ihrem Bibliothekar im Dienste der Aufklärung produktiv genutzt. p11
(Bircher, Bürger p182)[B] 1665 preist Herzogin Sophie Elisabeth in der von ihr verfassten Geburtstagsfestschrift ihren Gatten Herzog August, den Schöpfer
der Bibliothek, selbst als achtes Weltwunder. In dem Gedicht wird der Herzog als „Haupt“, der poetisch gefassten Aufzählung der sieben Weltwunder vorangestellt. Bircher / Bürger, p182
[6] Der Grundriss des berühmten Renaissancebau des Donato Bramante in Rom, heute in einem rechteckigen Hof von S. Pietro in
Montorio gelegen, wird von Serlio im dritten Buch auf Seite 41 abgebildet. Die Cella des Tempietto ist umgeben von einem
Peristyl von 16 Säulen. Der Schriftsteller zeigt das Bauwerk im Grundriss in einem kreisförmigen Hof mit einer nach innen
gekehrten Ringloggia, die nicht gebaut wurde und von der nur dieser Plan existiert. Das Thema der nach innen gekehrten Fassade der Wolfenbütteler Rotunde ist hier vorweg genommen.
(Serlio p3/41)[B]
[7]Ob der Gedanke, eine Bibliothek als Zentralbau anzulegen, ausschließlich in Wolfenbüttel geboren wurde, oder nicht doch u.U.
aus einer englischen Linie herzuleiten ist, wäre näher zu untersuchen. Leibniz hat mehrfach London besucht, er unterhielt
Beziehungen zu ersten Kreisen dortiger Wissenschaftler, so dass es nicht unwahrscheinlich klingt, wenn man vermutet, dass er von
dem frühen, nicht realisierten, Entwurf des Christopher Wren (1632-1723) wusste, den der „Erste Architekt“ Englands für das Trinity
College, Cambridge, vor 1676 angefertigt hatte. (Fertigstellungstermin der Bibliothek als „Container of Books“ Summerson, The A.
of the 18th C. p120 ). (Downes p53) [B] Leibniz ist 1673 in London, (Finster/ Heuvel p17ff), stellt seine Rechenmaschine vor und wird in die Royal Society aufgenommen.
1676 besucht er erneut London. Es ist das Jahr, in dem er Bibliothekar und Hofrat des Herzogs Johann Friedrich von Hannover
wird. Wrens Schüler und Partner gegen Ende seiner Laufbahn Nicholas Hawksmoor (1661-1731) wird das abgelehnte 1. Wren-
Design für Trinity College gekannt haben. Er machte bereits vor 1715 einen Zentralbauentwurf für Bodleian Library Oxford. Somit
besteht kein Zweifel darüber, dass der Ursprung der Bibliothek als Zentralbau bei Wren zu suchen ist (Hierzu siehe Summerson,
Architecture in Britain 1530 –1830 p. 330 ff). Damit erklärt sich, dass das Ergänzungsprojekt, welches JamesGibbs (1682-1754)
(1. Zentralbau, London, St Martin-in-the-Fields 1721) schließlich in Oxford ausführte, die nach dem Stifter benannte Radcliffe
Camera 1739, deutlich an den Entwürfen der Vorgängern Wren bzw. Hawksmoor orientiert war.
(Baur-Heinhold p79)[B] In der Amtszeit des Bibliothekars Stenger (1685- 1690 Wolfenbüttel) erwirbt dieser Thomas Hydes „Catalogus Bibliothecae Bodleiana“, M. Raabe p52
[8] Die Kugel als Himmelsglobus wurde 1728 bereits etwa 15 Jahre nach der Errichtung entfernt. Ingrid Recker-Kotulla
[9] Über die Frage, warum der Zentralbau gewählt wurde, warum das Oval insbesondere, lassen sich viele Mutmaßungen anstellen.
Eine mehr mathematische Deutung mag vorangestellt werden, nämlich dass eine Eiform bezogen auf die umschlossene Fläche
relativ gesehen über einen größeren Umfang verfügt als ein Kreis. Das heißt, ein i.G. ovaler Raum liefert mehr Wandstellflächen für Buchregale als der flächengleiche Kreisgrundriss.
Eine pragmatische Betrachtung mag ebenso gelten: Des Herzogs Wunsch war, vermutlich aus Gründen demonstrativer
Sparsamkeit, die Beibehaltung von Teilen des alten Marstalles im Rahmen der Neubaumaßnahmen. Es lässt sich daraus folgern,
dass nur bestimmte Grundrisskonditionen möglich werden, wenn man die den Gegebenheiten des Altbaus folgenden möglichen
Hausgrenzen festlegt. Unter der Annahme, dass wegen der beschränkten Mittel eine Obergrenze des künftigen Bauvolumens fixiert
war, kann man bei Festlegung einer Gebäudebreite entsprechend der Länge des Marstalles in etwa die Haustiefe bestimmen.
Man kann, ohne auf Details einzugehen, sagen, dass die neue größere Gebäudetiefe gegenüber der des ehemaligen Marstalls,
eine Belichtung des Inneren von oben erforderlich machte, womit sich die Tendenz zu einem Zentralbau bereits andeutet. Der
Typus einer mittleren, von oben belichteten Halle bei großen Bautiefen ist aus dem italienischen Herrenhaustyp bekannt, einer
besonders in der Poebene traditionellen Hausform, die auch bei einigen daraus hergeleiteten palladianischen Villen zu finden ist.
Ein gewisser Bezug der Bibliotheksrotunde zur Villa Capra in Vicenza oder der Villa Rocca Pisani in Lonigo ist unter diesem
Gesichtspunkt berechtigt. Allerdings bieten sich zugleich eine Reihe von Widersprüchen an. Insbesondere betrifft das die Wahl des
Zentralraumes, der in Wolfenbüttel auf dem Grundriss eines Ovales aufbaut im Gegensatz zu den italienischen Villen, deren
Hallengrundrisse im Innern auf der Kreisform basieren.
(Palladio p2/18;Scamozzi Fol.172/61)[B]
Angenommen, Korb bzw. Leibniz hätten sich zunächst, entsprechend der Villa Rotonda, mit der Kreisform für die innere Halle
befasst, so musste sich bei der durch die vorgegebenen Breite festgelegten ersten Grundrissbedingung herausstellen, dass
entweder das Gebäude eine übermäßige Tiefe bekommen würde (was deutlich über das beauftragte Bauvolumen hinausging) oder der Kreisdurchmesser sehr klein werden würde, was wiederum gegen die gewünschte Größe des geplanten
Bibliothekssaales mit zwei Galerien sprach. Die pragmatische Entscheidung war die Wahl des ovalen Grundrisses, in dem sich die gegensätzlichen Forderungen miteinander
vereinen ließen. Dass sich das Oval zu dieser Zeit auch im Profanbereich zu verbreiten begann, mag das Vorgenannte
bekräftigen. Ahnensaal in Frain Tschechien (Mähren) ab 1688, Fischer v. Erlachs Erstlingswerk;
(Gorys p346)[B] Festsaal im Charlottenburger Schloss, Berlin, von A. Schlüter 1695. Diesen Raum hat Leibniz sicher gekannt aufgrund seiner
Verbindung zu Sophie Charlotte, Gemahlin des preußischen Königs. [B] Zudem muss angemerkt werden, dass mit Leibniz, ein Naturwissenschaftler maßgeblich an dem Bibliotheksbau beteiligt war. Für
ihn als Mathematiker gehörte insbesondere die Beschäftigung mit der Geometrie der Kegelschnitte zur beruflichen Praxis.
[10] Die Verwendung des Korbbogens anstelle der sog. Gärtnerellipse wird in der Praxis vorgezogen, weil der Handwerker, die
ihm geläufigen Konstruktionsregeln der Kreisfiguration benutzen kann. Zudem ist die Fadenkonstruktion ungeeignet, ovale Parallelen anzulegen.
[11] Obwohl Hermann Korb Serlios Zeichnungen im Manuskript des sechsten Buches nicht gekannt haben wird, darf man davon
ausgehen, dass der Bautyp „der nach innen offenen, oval angelegten Arkadenreihe“ in Architektenkreisen zu seiner Zeit, einhundertfünfzig Jahre nach Serlio, längst verbreitet war.
[12] Dipl.-Des. Jan Christoph Kraege, Hamburg Bauaufnahme 1987, Archiv LR
[13] Unter „stehender Raum“ wird in der Architektur jener „erhabene“ Querschnitt eines Raumes betrachtet, bei dem die Höhe
größer ist als die Breite. In übertragener Verwendung gilt erhaben für „hochstehend, vornehm, großartig“. Im 18.Jh. entwickelt sich (das Erhabene) zum
sittlich – ästhetischen Wertbegriff. (Etymologisches Wörterbuch d.D. Berlin 1986).
[14] Das Thema der unter Punkt 6 referierten Veranstaltung wurde einem Reisebericht entnommen, den Alfred Lichtwarck, Direktor
der Hamburger Kunsthalle, im Jahre 1907 verfasst hat. Das Schönste, was Wolfenbüttel besaß, konnten wir leider nicht mehr sehen. Es war die alte Bibliothek, die, feuergefährlich und
baufällig, ihren so lange behüteten Schatz hergeben musste (Abriss 1887). Es war ein genialer Bau. Ich werde nie den Augenblick
vergessen, wo ich zum erstenmal in den Lesesaal trat, einen hohen ovalen Raum von sehr schönen Verhältnissen und
überraschend schönem Licht. Der Saal lag in der Mitte der Bücherräume, genau wie der große Lesesaal des British Museum.[...]
(Baur-Heinhold p254) [B]
Unser heutiges Oberlicht war im siebzehnten Jahrhundert unbekannt. Man führte damals die Wände des von oben zu beleuchtenden Raumes hoch und durchbrach sie oben mit Fenstern, so dass ein hohes Seitenlicht gewonnen wurde, das
sogenannte Basilikalicht. [...] Es ist gar nicht zu sagen, wie schön das Licht in diesem alten Lesesaal wirkte. Ich war damals so überrascht und entzückt davon,
dass ich am selben Tage noch wieder zurückkehrte, um den Genuss zu erneuern. Der Lesesaal in Wolfenbüttel [...] hatte mir die
Augen darüber geöffnet, dass für die Ausbildung des Innenraumes neben der Poesie der architektonischen Verhältnisse die
Poesie des Lichtes das Hauptaugenmerk des Baumeisters sein sollte. Unsere Zeit hat hier von Grund aus neu aufzubauen. Lichtwarck p 23
[15] Dargestellt sind auf der Tafel die frühe Form der Ordnung mit nur drei statt der seit Serlio / Vignola üblichen fünf Säulen; Auf
der anderen Seite zieht sich Ware mit der Anerkennung von nur der drei griechischen Säulen auf die dogmatischen Position von Freart de Chambrai (1650) zurück. Kruft p276
[16] Das besonders in der Palladioliteratur häufig zitierte sog. Serliomotiv (Serliana) wurde als beliebtes Dekorationselement
bereits von den Baumeistern der römischen Spätantike verwandt. (Baedecker p290)[B]
[17] Ein frühes Beispiel für gekoppelte Pilaster findet man am Altaraufsatz des Domes zu Pienza [B]
[18] Das Umfeld über das sog. Wiederauffinden des Vitruvius durch Poggio Bracciolini 1416 im Kloster von St. Gallen, anders als
es viele Fachlexika darstellen, erhellt Werner Oechslin in seinem Aufsatz „Vitruvianismus in Deutschland“. Nachzulesen im Katalog
zu der unvergessenen Wolfenbütteler Ausstellung „Architekt und Ingenieur, Baumeister in Krieg und Frieden“ HAB 1984 Ktlg. Nr.42 p 53
[19] Rosselino hatte im Auftrag des Alberti die Ausführung des Pal. Rucellai betreut. Im Pal. Piccolomini, der zu seinen eigenen
Werken zählt, wird zwar im Großen und Ganzen das gleiche Konzept übernommen. Das Bauwerk kann jedoch in der Fassade die
knappe Prägnanz seines Vorbildes nicht erreichen. [B]
[20] In ähnlicher Form verhalten sich die Fassaden der [B] Cancelleria 1483- 1519 Architekt Andrea del Bregno und / oder aus
dem Umfeld des Bramante (Salvatorelli p90); des Pal. [B] Torlonia, Architekt Andrea del Bregno 1496- 1504 (Rossi p34);und des [B] Damasushofs, Bramante 1513- 18 (Matt / Barelli 240); an der deutlich späteren Hoffassade des [B] Pal. Farnese 1514- 46 Sangallo / Michelangelo verwenden die Architekten wie am
Kolosseum in den unteren Geschossen statt der Pilaster der Frühzeit vorgelegte Halbsäulen.
[21] Der Architekt war Thomas Holt (+1624), sein Epithap besagt: Scholarum publicorum architectus. Summerson p 162
[22] Begonnen wurde das Bauwerk noch von Sir Thomas Bodley +1613, dem Begründer der nach ihm benannten weltberühmten Bibliothek.
[23] Man darf davon ausgehen, dass der „Tower of the five Orders“ dem weitgereisten Leibniz bekannt war, dessen mehrfache
Londonbesuche bzw. Briefkontakte nach Oxford sein Interesse für die englische Insel belegen. Finster / Heuvel p 57
[24] Aus Gründen mangelnder Aufträge gehen bereits im 16.Jh die ersten Italiener nach Franreich. Interessant für unsere
Betrachtung ist die Übersiedlung des Sebastiano Serlio, der 1546 in Fontainebleau als Berater des französischen Königs tätig
wurde. Daselbst baute er für den Kardinal von Ferrara das bis auf Reste zerstörte „Grand Ferrare“, 1544-46, ein Haus, das über
das folgende Jahrhundert hinaus als entscheidendes Beispiel galt für das Hôtel bzw. Stadtpalais.
(Serlio p6/11)[B] Eine frühe Superimposition findet man auch in Paris im Hof der École des Beaux-Arts, Reste des zerstörten Schlosses von Anet,
Architekt Philibert de l´Orme 1547 – 52, Christian Beutler, Paris und Versailles, Reclam 1969 p.308
(Monuments Historiques p4)[B]
[25] A. Guarna da Salerno, 1516, Satirischer Dialog „Simia“, Bramantes Aufstieg, Fagiolo dell´Arco p205
[26] Ein Beispiel in dem beschriebenen Sinne ist die Wendeltreppe des sogenannte Wendelstein 1574 des Blasius Berwart im
Hof des Deutsch - Ordensschlosses von Bad Mergentheim [B]
[27] Zwischen beiden stand der sog. Prioritätsstreit: Newtons Plagiatsvorwurf gegen Leibniz wegen des Zeitpunktes der
Entdeckung der Infinitesimalrechnung. Finster/Heuvel p112
[28] Die enge geistige Verbindung zwischen der Bibliothek, dem Aufbewahrungsort der Bücher, und dem introvertierten Lesesaal
inmitten des Gebäudes hat sich bis in die Moderne des 20.Jh. fortgepflanzt. Erwähnt wird in diesem Zusammenhang ein Bauwerk,
das in diesem Verständnis Schule gemacht hat: Stadtbücherei Stockholm des Architekten Gunnar Asplund 1928
Pevsner (p48)[B]
[29] Pevsner p98; Baur-Heinhold p159
[30] Der begehbare Globus von Gottorf aus dem Jahre 1651 und 1664 verfügt über einen Durchmesser von 3,11m.
(Hamburger Abendblatt 12.01.02)[B]
[31] An einem Maßstabsmodell des Himmelsglobus aus Aluminium im Durchmesser von 1,50 m wird gegenwärtig im Atelier
Grundlagen gearbeitet. Die Kugel wird aus 12 gleichen Schalen nach dem Pentagon- Dodekaeder- Schnitt zusammengefügt.
[B]
[32]Auch Bodleian Library, Oxford, ist unterirdisch mit Radcliffe Camera verbunden, (Millar p.14);
Ein Vorschlag zur Neuorganisation der Bibliotheksabteilungen in verschiedenen Häusern über ein unterirdisches Verkehrssystem
machten die Architekten Wilkens und Rosenbusch anlässlich einer Ausschreibung zum Ende des Jahres 2000
[B]
[33] gezählt von der Eingangsebene entsprechend der fünfteiligen Säulenordnung als: EG; Ebene der Rotunde =1.OG; 1.
Galerieebene = 2.OG; 2. Galerieebene = 3.OG; angrenzender Dachraum =4.OG; Tambour = 5.OG;
[34] Beginnend von Nord nach rechts umlaufend: Venus, Jupiter, Merkur, Mars, Selene, Helios, Saturn. Die Benennung dieser
Himmelskörper als Planeten findet sich bereits bei Vitruvius IX/1 p 147v.
[35] Das Thema der Veranstaltung wurde dem schon im Vorstehenden zitierten Reisebericht des Alfred Lichtwarck entnommen.
[36] Sankt Trinitatis wurde von dem gleichen Architekten Hermann Korb entworfen, der auch für die Bibliotheksrotunde
verantwortlich zeichnet. Nach einer Brandzerstörung im Jahr 1505 wurde die heutige Kirche am ersten Advent 1519 wieder
eingeweiht. Zu diesem Anlass wurden Text und Arie „Vergiß nun, werthe Welfenstadt...“ gedichtet, komponiert und vorgetragen. Da
die Melodie verloren ging, schrieb Professor Thomas Hettwer eine Wiedervertonung, die hier uraufgeführt wurde als Geschenk der
Veranstalter an die Trinitatisgemeinde für das Entgegenkommen zur Bereitstellung des Kirchenraumes. [B] Vergiss nun werthe Welfenstadt
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